Januar 2016 - Stuttgarter Zeitung

Der Hörbert stemmt sich wider den Zeitgeist

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Nürtinger Unternehmer auf Expansionskurs

Der Hörbert stemmt sich wider den Zeitgeist

Von Philipp Braitinger 06. Januar 2016 - 17:20 Uhr

Hörbert hat der Nürtinger Unternehmer Rainer Brang das von ihm entwickelte Gerät genannt, das dem von Plastikprodukten beherrschten Markt einen nachhaltig ökologisch produzierten Hörspieler für Kinder entgegensetzt.

 

Mit seinem Produkt stellt sich Rainer Brang gegen die Wegwerfmentalität. Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Die Zeiten, da technische Geräte repariert statt weggeworfen und neu gekauft wurden, liegen bereits einige Jahre zurück. Als der heute 40-jährige Rainer Brang noch ein Kind war, war es üblich, Fernseher, Waschmaschinen oder Radios zu reparieren, wenn sie einmal den Dienst quittierten. „Heute wachsen Kinder damit auf, dass es alle zwei Jahre ein neues Smartphone gibt“, verdeutlicht Brang. Die meisten Hersteller legen keinen besonders großen Wert mehr auf Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit

Sehr zum Ärger des Softwareentwicklers Brang. Als dieser auf der Suche nach einem geeigneten Hörspielgerät für seinen kleinen Sohn war, wurde er bei den etablierten Herstellern einfach nicht fündig. Keine Firma bot das an, was er suchte. Nämlich einen einfach zu bedienenden, ungefährlichen, langlebigen, nachhaltig produzierten, hochwertigen und reparierbaren Hörspieler. „Das war nicht kindgerecht“, sagt er über das Angebot, das er am Markt vorfand. Die Geräte waren aus Plastik, der Sound war schlecht. Mehr noch: Hörspieler mit Kabeln erwiesen sich für die kleinen Nutzer sogar als gefährlich. Sie könnten sich damit strangulieren. Und Geräte mit einem Netzteil für die Steckdose wollte Brang auch nicht unbeaufsichtigt im Kinderzimmer seines Sohnes stehen lassen.

Kundschaft in Sibirien

Er machte sich dann daran, selbst ein Gerät zu bauen, das seinen Ansprüchen gerecht werden sollte. Damit war der „Hörbert“ geboren. Kaum in Betrieb genommen, wollten Freunde und Bekannte auch solch ein Gerät für ihre Kinder, Neffen oder Enkel. Die Stückzahlen stiegen steil. Im vergangenen Jahr haben bei der 2011 gegründeten Firma Winzki sieben Mitarbeitern in Nürtingen bereits rund 5000 Geräte montiert. Und ein Abflauen der Nachfrage ist nicht in Sicht. Brang scheint einen Nerv getroffen zu haben. Bis in das Museum of Modern Art in New York und auch nach Sibirien wurden seine Hörberts schon verschickt. Die meisten Hörspieler gehen aber momentan nach Deutschland, in das benachbarte Österreich und in die Schweiz.

Mit einem Preis von 239 Euro ist der Hörbert nicht eben ein Schnäppchen. Doch die Käufer wüssten zu schätzen, dass das Gerät in Deutschland unter guten Bedingungen sowie aus kindgerechten Materialien gefertigt werde, sagt Brang. Und es sei wahrscheinlich sogar günstiger, einen Hörbert über viele Jahre hinweg zu besitzen, als ständig neue Geräte zu kaufen. Denn der Hörbert ist mit seinem Holzgehäuse aus Buche, Pappel und Birke aus nachhaltiger Forstwirtschaft nicht nur robust, er kann vor allem einfach und schnell repariert werden. Alle Komponenten sind unkompliziert auszuwechseln. Ersatzteile können beim Hersteller bestellt werden. Wer nicht selbst Hand anlegen möchte, kann das Gerät zur Reparatur einsenden.

Kinder beherrschen die Bedienung schnell

Ausgeliefert wird der Hörbert mit einem 140-minütigen Programm aus Kindergeschichten und Musik. Der handelsübliche Speicherchip kann aber auch von den Eltern mit Hilfe eines Computers selbst beschrieben werden. Auf den Chip passen rund 17 Stunden Audio-Inhalte. Den Strom für das Gerät liefern normale Batterien. Die Bedienung erfolgt über farbige Knöpfe. Damit können die kleinen Nutzer verschiedene Playlists anwählen und zwischen den Titeln hin- und herspringen. Die Kinder beherrschten die Bedienung des Geräts rasch, versichert Brang.

Der Hersteller hofft, mit dem Hörbert bei den Kindern ein Verständnis für den Wert von Dingen zu wecken. Durch ein Umdenken könnten nämlich der hohe Ressourcenverbrauch sowie die Müllberge kleiner werden. Denn viele Spielsachen, die nicht langlebig seien und daher rasch wieder weggeworfen würden, belasteten die Kinder, wenn sie erwachsen geworden seien, gibt Brang zu bedenken.

Irgendwann wird vermutlich auch der Hörbert den Weg aller Dinge in die Tonne finden. Immerhin ist er dann aber größtenteils biologisch abbaubar. Und vielleicht schafft es der eine oder andere Hörbert sogar als nostalgisches Kindheitsandenken lange über seine Zeit hinaus in das Erwachsenenleben seiner heutigen Nutzer.